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Von Crypto Cities und Network States: Macht das Web3 Staaten und Politiker überflüssig?

Von Crypto Cities und Network States: Macht das Web3 Staaten und Politiker überflüssig?

Kryptowährungen machen Dollar und Euro Konkurrenz. NFTs mischen den Kunstmarkt auf. Und Smart Contracts sollen Plattformen wie Uber überflüssig machen. Schon diese Verheißungen des Web3 klingen einschneidend. Doch die Vordenker von Decentralized Governance gehen noch weiter: Sie wollen Staaten und Regierungen, wie wir sie heute kennen, durch die Blockchain abschaffen. Yannic Plumpe aus der 1E9-Community hat dazu recherchiert und sich gefragt, was davon zu halten ist.

Manchmal zucke ich noch zusammen, wenn ich von einem Wolkenkratzer stürze. Aber dann erinnere ich mich daran, dass ich fliegen kann.

Seit sich die großen Konzerne mit den Wagniskapitalgebern zusammengetan haben, ging alles ganz schnell. Bürokratische Hürden wurden abgebaut, moralische Bedenken ausgeräumt und das Beste aus Metaverse und Web3 zu einer allumfassenden Welt vereint. Es ist viel besser so. Gegeneinander zu arbeiten ist so Web2.

Klar, am Anfang gab es noch Diskussionen. Doch mit der Zeit wurden die AR-Brillen besser, das Zubehör erschwinglicher und die Grafik realistischer. Mit jedem Update wurden die Kritiker leiser, bis sie irgendwann ganz verstummten. Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, wie die Welt wäre, wenn man keine Brille oder Wallet hat.

Ach ja, das Beste ist eigentlich, dass wir nicht mehr arbeiten müssen. Wir spielen nur noch. Wir werden tatsächlich fürs Spielen bezahlt. Kannst du dir das vorstellen? Es passiert nicht in Euro. Alles wird in Token vergütet. Das erkläre ich dir ein anderes Mal. Zum Schluss muss ich dir noch sagen, dass ich nicht mehr in Deutschland wohne. Ja, du hast richtig gelesen. Ich lebe jetzt in einem Netzwerkstaat. Es ist alles so dezentral hier, das glaubst du gar nicht.

Mit Biotechnologie arbeiten sie jetzt auch daran, uns zu transzendieren. Ich weiß, dass sich das für dich komisch anhört, aber der technologische Fortschritt lässt sich sowieso nicht aufhalten. Du warst mit Sicherheit immer ähnlich vorsichtig und zurückhaltend wie ein Politiker, wenn es um grundlegend neue Technologie geht.

Turns out, Politiker brauchen wir überhaupt nicht mehr. Das wird jetzt alles durch die Smart Contracts geregelt, die auf dem Protokoll basieren, das wir in der DAO, also quasi im Netzwerkstaat, festgelegt haben. Es kann doch alles so einfach sein, wenn man nur will. Und war es nicht irgendwie auch abzusehen, dass es so kommt?

So oder so ähnlich stelle ich mir einen Brief meines zukünftigen Ichs an mein heutiges Selbst vor, seit ich mich in die Debatte um Web3 einlese. Obwohl das, was ich dazu im Web3 finde, oft nicht allzu ermutigend klingt: NFTs scheinen ein betrügerisches Ponzi-Scheme zu sein, Kryptowährungen nicht mehr als ein nettes Spielzeug, wird dort immer wieder kritisiert.

Auch mit der versprochenen Dezentralität, die doch schon lange eingefordert wird, läuft es bisher eher enttäuschend: Bisher läuft im angeblichen Web3 die Kommunikation offenbar nur über zwei APIs . Trotzdem wird gerade für Bitcoin und Ethereum Strom wie für ein Land in der Größenordnung der Schweiz oder Österreichs verbraucht. Das alles klingt für mich erstmal nach keinem guten Deal…

Gründe für ein neues Web gibt es genug!
Doch so schnell will ich das Web3, das bisher sowieso eher eine lose Sammlung von Konzepten ist, nicht als schlechte Idee abstempeln. Denn Gründe, sich ein neues Internet zu wünschen, gibt es genug: Das heutige Web basiert im Großen und Ganzen immer noch auf historischen Strukturen, die vor Jahrzehnten geschaffen wurden, um die Kommunikation des Militärs sicher zu stellen und den Austausch zwischen Universitäten zu fördern . Sicherheit war in diesem System nie inhärent. Viele Dienste und Protokolle sind inzwischen in die Jahre gekommen. Gleichzeitig gibt es gehörige Tendenzen zu einer Zentralisierung des Internets in den Händen weniger Großkonzerne. Das führt immer wieder zu Problemen und hat weitreichende Implikationen wie den Plattformkapitalismus und immer weniger Vielfalt.

Sicherheitslücken und übermächtige Internetkonzerne, deren Geschäftsmodell auf dem Sammeln und Vermarkten von Userdaten basieren – beides zusammen sorgte nicht gerade für Vertrauen ins Internet. Und die zuständigen deutschen und europäischen Institutionen und Politiker verstärkten diese Perspektivlosigkeit eher noch, da sie dem Internet vor allem mit Rat- und Ahnungslosigkeit gegenüberstanden. Noch heute führt diese Tatsache meistens nur zu neuen allgemeinen Gesetzesvorhaben, mit denen sie zu pauschal und zu allgemein versuchen, die nicht inhärente Sicherheit des Internets auszunutzen, um das Internet „unter Kontrolle “ zu bringen.

 Wie weit sollte das Web3 gehen?

Bei diesem politischen und gesellschaftlichen Umfeld scheint es nur konsequent, dass ein Versprechen wie das Web3, welches sich von den Institutionen lossagt, inhärente Verschlüsselung und Dezentralität verspricht, bei vielen auf Gegenliebe stößt. Und auch ich bin auf meinen Recherchen auf vielversprechende Ideen gestoßen, die offensichtliche Missstände offenlegen und andere, vielleicht bessere Lösungen versprechen. Es ist also gar nicht so überraschend, dass Investoren Milliarden ins Web3 investieren und viele, vor allem junge Menschen darin eine Verheißung sehen. Doch eine Frage treibt mich wirklich um: Wie weit sollte das Web3 gehen?

Ich möchte nicht in die kleinteiligeren Debatten um den Sinn und Unsinn von NFTs oder den Stromverbrauch von Bitcoin einsteigen, sondern auf die umfassenderen Konzepte eingehen, die am Ende – wie mein zukünftiges Ich anfangs geschrieben hat – sogar klassische Staaten und Politiker überflüssig machen sollen. Einige davon klingen aberwitzig, sind aber so populär, dass wir sie auf jeden Fall ernst nehmen sollten – nicht nur, um Fehlentwicklungen rechtzeitig zu stoppen, sondern auch um mögliche Impulse für die Modernisierung unserer eigenen, in die Jahre gekommenen Demokratie zu gewinnen.

Schon Vitalik Buterin beschrieb, was DAOs sind.
Die Grundlage für die meisten dieser wahrhaft disruptiven Ideen sind Decentralized Autonomous Organisations , kurz: DAOs – die aus meiner Sicht auch eine der sinnvolleren Ideen aus der Web3-Konzeptsammlung sind. DAOs wurden schon 2013 im Ethereum Whitepaper von Vitalik Buterin beschrieben. Dabei kann man sich eine DAO als eine digitale Community vorstellen, die in den meisten Fällen ein bestimmtes und gemeinsames Ziel verfolgt.

Der Vorteil gegenüber einer normalen Community soll dabei sein, dass es keine gewöhnlichen Hierarchien und damit kein zentralisiertes Leitungsgremium gibt und die Community demokratisch Geld verwalten kann, das von den Mitgliedern eingezahlt wird. Wer sich näher über DAOs informieren möchte, findet im guten alten Web2 gute Einführungen , die viel besser geschrieben sind als das, was ich in dieser Kürze hier tun könnte.

Das Interessante an diesen Organisationen ist der Initiations- und Governance-Prozess. Die Community einigt sich auf bestimmte Verhaltensnormen, also: Regeln, die dann in Form von Programmcode auf einer Blockchain festgehalten werden. Ihre Einhaltung und Umsetzung wird durch die im Code festgehaltenen Smart Contracts kontrolliert, die automatisch Wenn-Dann-Regeln ausführen. Dadurch wird es möglich, eigene Wahlen und Abstimmungen abzuhalten, Transaktionen abzusichern oder einfach nur Klarheit über die Regeln und Prozesse des Zusammenarbeitens zu erlangen. Es braucht weder einen DAO-Vorstand oder eine DAO-Geschäftsführung noch Mittelsmänner wie Banken, Notare oder ähnliches, denen alle Mitglieder der DAO vertrauen müssen, da sie am Ende Entscheidungen über die Zukunft der DAO treffen und umsetzen. Der Code macht dieses zwischenmenschliche Vertrauen überflüssig. Die DAO ist autonom. Das Ganze erinnert an „Law is Code“, eine inverse Form des Ausspruchs „Code is Law“ des US-amerikanischen Verfassungsrechtlers Lawrence Lessig.

 In der perfekten DAO wird ein Schleier des Nichtwissens über Anträge gelegt.

Aus meiner Sicht sind DAOs, wenn sie richtig aufgesetzt werden, ein mögliches Modell, um demokratische Prozesse zu modernisieren. Als ein erstes Beispiel lassen sich eingetragene Vereine heranziehen. Mitglieder eines DAO-Vereins könnten durch Abstimmungen direkten Einfluss auf das Vereinsgeschehen nehmen und so von einem Mitglied zu einem institutionalisierten Stakeholder werden.

Als weiteres Beispiel lässt sich das festgefahrene politische System anführen. Werden heute in Parlamenten Anträge von einer ideologisch unterschiedlichen Partei eingebracht, so werden sie von den anderen Gruppierungen meistens aus Prinzip abgelehnt, unabhängig vom Inhalt. In der perfekten DAO wird ein Schleier des Nichtwissens über die Anträge gelegt. Sie werden nicht personifiziert, sondern werden in der digitalen Pseudonymität abgestimmt und beschlossen. Nur der Inhalt zählt – und Pfadabhängigkeiten, die unser aktuelles System lähmen, werden durchbrochen. Im Web3 hätten die Mitglieder von DAOs außerdem die Möglichkeit, ihre digitale Identität selbst zu verwalten.

Das Konzept der selbstbestimmten Identität (englisch: Self-Sovereign Identity, kurz: SSI) geht davon aus, dass Personen ihre Identität erzeugen, indem sie verifizierte Identitätsdaten in ihrer Wallet speichern. Diese Daten können, zum Beispiel, einer Historie von Transaktionen entspringen, Daten aus Social-Media-Accounts oder Bescheinigung von Freunden sein. In unserer „zentralen Welt“ werden solche Daten wie E-Mail-Adresse oder Telefonnummer eher von externen Entitäten bereitgestellt.

Wer sich jetzt bei dem Gedanken ertappt, Gemeinschaften, Identitäten und Wahlen – das könnte schnell pseudo-staatliche Züge annehmen –, wird schnell durch Maria P. Gomez Gelvez, eine Beraterin des Orca Protokolls und ehemalige Aragon-Mitarbeiterin, bestätigt. So berichtet zumindest Nathan Schneider in seinem Paper „Cryptoeconomics as a Limitation on Governance“, dass Maria P. Gomez Gelvez der Ansicht sei, dass eine DAO einem Land näher sei als einer Firma (“A DAO is closer to a country than to a corporation”).

Mich erinnern DAOs allerdings auch an neue Kirchen einer anderen Form von Religion: eine Community, die durch meine freiwillige „Steuer“ finanziert wird, weil ich an sie glaube. Aber in der Web3-Debatte geht es eher um Staaten als um Kirche. Und damit sind wir bei DeGov .

DeGov: Die Disruption der Politik, wie wir sie kennen.
Mit DeGov, was für Decentralized Governance steht, hat sich jedoch auch schnell ein neues Schlagwort etabliert. Ähnlich wie DeFi, also Decentralized Finance, die Finanzwelt oder NFTs die Kunstwelt aufmischen sollen, ist DeGov darauf angelegt früher oder später den politischen Prozess zu „disruptieren“.

Auch hier steht die Dezentralisierung im Vordergrund. Das Vertrauen soll als notwendige Basis aus dem System entfernt werden, weil es, wie oben beschrieben, gerade beim Thema Internet zu oft enttäuscht wurde. Vor allem den Vordenkerinnen von Ethereum scheint die Abhängigkeit von verschiedenen Institutionen ein Dorn oder vielleicht schon ein Balken im Auge zu sein.

Besonders Ethereum-Mitgründer Vitalik Buterin schwebt ein System der “Credible Neutrality”, also der „glaubwürdigen Neutralität“, vor, in dem die Politik von der Ökonomie ersetzt wird. Dabei dient die Kryptoökonomie als ein Konsensmechanimsus, der frei von Interessenskonflikten sein soll. Liest man Buterins Essays, so könnte man den Eindruck gewinnen, dass sich Probleme verschiedenster Wahlsysteme und die darunter liegenden komplexen sozialen Gefüge einfach per Spieltheorie und Blockchain auflösen lassen. So schreibt er:

„Soziales Vertrauen als Grundlage kann in vielen Kontexten gut funktionieren, ist aber schwer zu verallgemeinern; was in einem Land, einem Unternehmen oder einem politischen Tribe als vertrauenswürdig gilt, wird in anderen Ländern möglicherweise nicht als vertrauenswürdig angesehen. Es ist auch schwer zu quantifizieren: Wie viel Geld braucht man, um soziale Medien so zu manipulieren, dass ein bestimmter Kandidat bei einer Abstimmung bevorzugt wird? Soziales Vertrauen als Grundlage scheint sicher und kontrollierbar zu sein, in dem Sinne, dass ,Menschen‘ das Sagen haben, aber in Wirklichkeit können sie durch wirtschaftliche Anreize auf alle möglichen Arten manipuliert werden. In der Kryptoökonomie geht es um den Versuch, soziale Vertrauensannahmen zu reduzieren, indem wir Systeme schaffen, in denen wir explizite wirtschaftliche Anreize für gutes Verhalten und wirtschaftliche Strafen für verbotenes Verhalten einführen.“

Wer die meisten Token hat, hat die Macht?
Vitalik Buterin will sich also nicht darauf verlassen müssen, dass etwa politische Entscheidungsträger im Sinne der Gemeinschaft handeln, weil sie sonst fürchten müssen, das Vertrauen ihrer Wählerschaft zu verlieren. Dafür gebe es zu viele Möglichkeiten der Manipulation. Er will vielmehr gutes Verhalten wirtschaftlich belohnen und schlechtes Verhalten wirtschaftlich bestrafen. Mit Smart Contracts auf fälschungssicheren Blockchains wäre das möglich. Automatismus statt Vertrauen. Es gibt jedoch auch Stimmen, die darauf hinweisen, dass DeGov nach dieser Vorstellung „die Politik“ lediglich auf eine Incentiv- oder Anreiz-Maschine reduzieren würde. Diese Art von DeGov wäre, wie die Kryptoforscherin Shermin Voshmgir es nennt, „wie Kapitalismus auf Steroiden“ .

Wie allerdings auch Nathan Schneider schreibt, hat die DeGov-Bewegung inzwischen noch sehr viel weitreichendere Überlegungen zu Wahlsystemen (Quadratisches Wählen Coin Voting, usw.), zu StaatsformenGemeingutWert und Demokratie angestellt.: „Auch die Politik braucht Kryptoökonomie. Experimente mit Distributed-Ledger-Systemen haben eine einzigartige kreative Fülle von Untersuchungen zu Wahlsystemen, Streitbeilegung, kollektiver Ressourcenverwaltung und anderen Prozessen hervorgebracht, die demokratische Strukturen fördern können (Allen et al. 2017; Mannan 2018).“

In der Analyse „Remaking Public Goods “ von Toby Shorin, Sam Hart und Laura Lotti wird allerdings auf ein weiteres grundlegendes Problem hingewiesen: DAOs und andere Kryptogemeinschaften tendieren dazu, den Mitgliedern mit den meisten finanziellen und zeitlichen Ressourcen die meiste Macht zu geben – anders als in heutigen Demokratien:

„Die Protokolle mögen Tausenden oder gar Millionen von Akteuren gehören, aber sie kommen nicht allen zugute – nur denen, die die Zeit, das Fachwissen oder die Ressourcen haben, um sich zu beteiligen. […] Wenn wir nicht wollen, dass Werte zentral von denjenigen bestimmt wird, die die meisten Token in ihren Wallets haben, müssen wir diverse Gemeinschaften stärken und explizit unterschiedliche Wertvorstellungen einbeziehen.“

Buterin und seinen Anhängerinnen scheint bewusst zu sein, dass sie ein unvollkommenes System geschaffen haben. Sie setzen sich mit Kritik auseinander und versuchen das System aktiv zu verbessern.

Quelle und mehr: 1e9Community

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