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Berlin TXL – The Urban Tech Republic / Schumacher Quartier – Berlins ambitioniertester Smart District entsteht

Berlin TXL – The Urban Tech Republic / Schumacher Quartier – Berlins ambitioniertester Smart District entsteht

Berlins Flughafen Tegel ist seit Ende 2020 Geschichte und wurde durch den inzwischen offizielll in Betrieb genommenen Flughafen BER außerhalb im Südosten Berlins in Brandenburg abgelöst. Nicht unumstritten war diese Entscheidung, begleitet von einem politisch initiierten Volksbegehren mit dem Ziel des Erhalts des Flughafen Tegel als 2. internationalen Flughafen für die Hauptstadtmetropole Berlin. Allein von der Kostenseite her wäre dieses Vorhaben aufgrund seines massiven Instandhaltungs- und Modernisierungsrückstaus des Flughafen Tegel unrealistisch gewesen. Bleibt noch die Frage nach den Fahrzeiten und der Erreichbarkeit des Flughafen BER, der aufgrund seiner Lage für viele Berliner nun mit längeren Fahrtzeiten zu erreichen ist – ein Umstand, den übrigens die meisten Metropolstädte in Europa wie London oder Paris mit sich bringen.

Gebäudeensemble Flughafen Tegel (© Tegel Projekt GmbH / Tim Dinter)

Tegel Projekt GmbH
Nun ist der Flughafen Tegel Geschichte. Was bleibt, ist ein 5 Quadratkilometer großes Areal, das förmlich danach schreit, nach den neuesten stadtentwicklungstechnischen Maßstäben entwickelt zu werden. Die Tegel Projekt GmbH wurde eigens vom Land Berlin mit der Entwicklung und dem Management von Berlin TXL – The Urban Tech Republic und dem angrenzenden Schumacher Quartier beauftragt.

Logo “The Urban Tech Republic”

Ziele der Stadtteilentwicklung: Berlin TXL – The Urban Tech Republic
Aus den Flughafengebäuden und auf den angrenzenden Flächen wird ein Forschungs- und Industriepark, in dem Technologien für die Stadt von morgen erforscht, entwickelt, produziert, getestet und exportiert werden. Hier treffen Wissenschaft und Forschung auf Industrie und Gewerbe und Start-ups auf Investoren. Für den kuratierten Standort wurden sechs Kernthemen urbaner Technologien definiert:

  • klimaneutrale Energiesysteme und der effiziente Einsatz von Energie
  • umweltschonende Mobilität
  • sauberes Wasser
  • Recycling
  • der Einsatz neuer Materialien für Anwendungen wie nachhaltiges Bauen
  • die vernetzte Steuerung von Systemen

Die Bestandsgebäude haben rund 200.000 m2 Bruttogeschossfläche. Der Campus wird 39 ha umfassen, das Gewerbeband 70 ha und der Industriepark 82 ha. Die Gesamtfläche der Urban Tech Republic umfasst 211 ha.

Nutzer der Urban Tech Republic werden Start-ups, Studierende, Wissenschaftler sowie etablierte Unternehmen sein. Zwei wichtige Ankernutzer stehen bereits fest: die Beuth Hochschule für Technik und die Berliner Feuerwehr- und Rettungsdienstakademie (BFRA).

Bis zu 1.000 Unternehmen können sich hier ansiedeln; bis zu 20.000 Arbeitsplätze sollen entstehen.

Schumacher Quartier - Tegel / Land Berlin

Logo “Schumacher Quartier”

Ziele  der Stadtteilentwicklung: Berlin TXL – Schumacher Quartier
Im Osten des Flughafengeländes und ein Stück darüber hinaus entsteht das 48 ha große Schumacher Quartier. Dieses neue Wohnviertel wird über 5.000 Wohnungen für mehr als 10.000 Menschen bieten – mitsamt den dazugehörigen Einrichtungen wie Schulen, Kitas, Sportanlagen, Einkaufsmöglichkeiten und viel Grün. Das neue Stadtviertel wird das größte Holzbauquartier weltweit sein.

Als nachhaltiges und sozial gemischtes Areal wird das Schumacher Quartier einen wichtigen Beitrag zur Wohnungsbau- und Stadtentwicklungsstrategie der deutschen Hauptstadt leisten. In einer Charta haben sich alle beteiligten Partner auf sieben Leitlinien für die Entwicklung des Schumacher Quartiers geeinigt:

•    Urbane Lebensräume
•    Wohnen für alle
•    Stadtgrün und öffentlicher Raum
•    Offene Bildungslandschaft
•    Klimagerechte und wassersensible Stadtentwicklung
•    Quartier mit umweltfreundlicher Mobilitätsgarantie
•    Kommunikation, Partizipation und Transparenz

Aus den Trockengrasflächen oberhalb der nördlichen Start- und Landebahn wird ein über 200 ha großer Landschaftsraum, der an die Naherholungslandschaft im Berliner Westen anschließt. Die Planungen laufen.

Modell Schumacher Quartier

Smart District Tegel
Auch wenn auf dem offiziellen Webauftrit von Berlin TXL nicht explizit von Smart City oder Smart District die Rede ist (warum eigentlich nicht?), ist anhand der gewählten definierten urbanen Technologien klar erkennbar, in welche Richtung sich das Stadtquartier entwickeln soll: modernste digitale Vernetzungssysteme sollen dazu beitragen, einen effizienten Umgang mit Ressourcen zu erzielen und gleichzeitig partizipative Elemente für ein gemeinschaftliches Gemeinwesen des neuen Stadtteils zu ermöglichen.

Wettbewerb mit Quartier Heidestraße und Siemensstadt 2.0
Auch vor dem Hintergrund, dass derzeit in Berlin zwei weitere Großareale entwickelt werden bzw. sich noch in der Planungsphase befinden, zeigt deutlich, dass hier eine Wettbewerbssituation entsteht: zum einen mit dem in Teilen schon fertig gestellten Quartier Heidestraße in Berlin Moabit am HBF und zum zweiten mit der geplanten Siemensstadt 2.0 in Berlin Spandau. Schon jetzt wird im Vergleich mit dem Quartier Heidestraße deutlich, dass – bei diesem ebenfalls neuen Smart District nach neuesten technologischen Möglichkeiten in der Gebäude- und Flächenausstattung – man hinsichtlich der Kostenseite bei der Entwicklung der Urban Tech Republic vorsichtig sein muss. Schließlich betragen im Quartier Heidestraße abseits der öffentlich geförderten Sozialwohnungen in dem Viertel der Mietzins für Wohnungen über 18 Euro / qm kalt – ein Preisniveau, das sich nur bestimmte Bevölkerungsgruppen leisten werden können. Der direkte Vergleich mit dem Quartier Heidestraße hinkt zwar etwas, da dieses Quartier innerstädtisch nahe dem HBF Berlin liegt und somit allein schon beim Grundstückserwerb durch private Eigentümer / Investoren höhere Kosten entstehen, die amortisiert werden wollen.

Illustrierte Skizze zur Nachnutzung der Flächen / Gebäude (© Tegel Projekt GmbH / Tim Dinter)

Welche Technologien?
Spannend bleibt auch die Frage nach dem Einsatz der geplanten Technologie(n), die für die digitale Vernetzung zum Einsatz kommen werden. Setzt man auf zentrale Lösungen von eigens entwickelten IT-Anbietern am Markt oder geht man den Weg mit der Blockchain, um hier mit einem dezentral gesteuerten Datennetzwerk auch ein Zeichen zu setzen: z. B. die Frage nach dem Energiekonzept und Smart Grids mit einem ausgewählten Energieversorger und der Erzeugung von Energie durch die Bewohner von TXL selbst durch z. B. Photovoltaik- oder Windkraftanlagen – mittels der Blockchain ließen sich je nach Verhältnis von Energieerzeugung und -verbrauch automatisch generierte Smart Contracts einrichten, die die Abrechnung monatsweise bzw. taggenau übernehmen – inklusive einer gewünschten Rechtssicherheit. Mobilitätsströme ließen sich unterteilen in geplantem, tatsächlichem und gewünschtem Verkehrsaufkommen,  das sich mittels intelligenter Datenanalyse steuern lässt – von Ampelschaltungen hin zu frequentierten Parkraumflächen bis zum öffentlichen Nahverkehr, der sich passgenau einsetzen ließe. Zu guter Letzt: Kommt die Blockchain wenigstens im Bereich E-Government?

Smart City – für wen?
Berlin Tegel liegt geographisch eher etwas abseits vom Zentrum, ist durch den direkten Anschluss der Autobahn jedoch gut angeschlossen (Fahrzeiten ins Zentrum betragen hier ca. 15 – 20 Minuten, ohne negative Stauprognosen, die jedoch fast täglich eintreten). Die Bauarbeiten werden ab 2021 mit einem Zeitraum von bis zu 20 Jahren angegeben – ein Zeitraum, in dem die Baukosten erfahrungsgemäß tendenziell eher steigen als fallen werden. Bleibt zu hoffen, dass die landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften für einen vergleichsweise akzeptablen Mietzins ihre neuen Wohnungen anbieten werden. Denn ansonsten geht wie im Quartier Heidestraße ansatzweise schon geschehen die Tatsache um, dass das Themenfeld Smart City / Smart District mit seinen zu amortisierenden Investitionskosten nur privilegierten Bevölkerungsgruppen vorbehalten bleibt. Und eine Smart City widerspricht diesem Ansatz eigentlich explizit.

Quelle Bilder und mehr auf: Berlin TXL und Schumacher Quartier

P.S. Zum Schluss verweise ich noch gerne auf den aktuellen Podcast vom Kollegen Stefan Höffken, der in seiner neuesten Ausgabe seines Podcasts als Leitthema “Daten und wie man mit ihnen bessere Quartiere entwickelt” diskutiert. Viel Spaß! https://techandthecity.org/

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