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Neue geplante Zukunftsstädte (F.A.Z.)

Neue geplante Zukunftsstädte (F.A.Z.)

1. PAINTED ROCK SMART CITY, USA

Auf Blockchan-Technologie gebaut

Der Krypto-Millionär Jeffrey Berns plant in der Wüste von Nevada ein radikales Experiment: Auf einem kargen Stück Land, das Berns vor vier Jahren für 170 Millionen Dollar gekauft hat, will er eine Stadt bauen, deren Infrastruktur auf Blockchain-Technologie basiert. Eine Blockchain ist eine Reihe digitaler Datensätze, die Transaktionen chronologisch und öffentlich abbildet. Die Kryptowährungen Bitcoin und Ether basieren unter anderem darauf. Berns, der mit dem Handel von Kryptowährungen reich geworden ist, will nun mit der „Painted Rock Smart City“ beweisen, dass sich die Blockchain-Technologie noch auf ganz andere Lebensbereiche ausdehnen lässt. Zum Beispiel könnten die künftigen 36 000 Bewohner der Siedlung Bankgeschäfte tätigen oder wählen, ohne die Verwaltung einzubinden.

Dafür müsste Painted Rock vom Staat Nevada die Erlaubnis bekommen, sich selbst zu verwalten, also selbst Steuern zu erheben und öffentliche Dienstleistungen wie Schulen oder Müllentsorgung anzubieten. Der demokratische Gouverneur Steve Sisolak hat ein Gesetz in Aussicht erstellt, das diese selbstverwalteten „Innovationszonen“ im Staat erlauben würde – ein Traumszenario für Krypto-Jünger und eine Dystopie für alle, die den großen Techno-Utopien misstrauen.

 

2. THE LINE, SAUDI-ARABIEN

170 Kilometer Spiegelfassade

Saudi-Arabien will unabhängiger von Öl und Erdgas werden, bis 2030 soll deren Anteil am Bruttoinlandsprodukt von heute 47 auf elf Prozent gesenkt werden. Kernstück des Wandels soll Neom werden, eine Planstadt im Nordwesten des Landes, die Touristen und vor allem Influencer anziehen soll, um Saudi-Arabiens neues modernes Image via Smartphone in die ganze Welt zu exportieren. Wenn man schon nicht mehr als Ölförderer einen Spitzenplatz belegt, will man zumindest das gigantischste Städtebauprojekt haben, hat sich anscheinend das saudische Königshaus gedacht – und kürzlich Bilder von „The Line“ veröffentlicht: eine 170 Kilometer lange und schmale Megastruktur quer durch die Wüste, die aussieht wie vom Lineal gezogen. 500 Meter hoch soll das Gebäude werden und Platz für neun Millionen Menschen bieten. Die Struktur ist von außen komplett verspiegelt, während es drinnen aussieht wie im botanischen Garten. In nur zwanzig Minuten soll eine Hochgeschwindigkeitsbahn beide Enden miteinander verbinden, und selbstverständlich liefern ausschließlich Wind und Sonne die Energie. Damit die Bewohner sich nicht fühlen, als hätten sie sich in ein Videospiel verirrt, soll es im Inneren zugehen wie in der Kleinstadt: Arbeit, Bildung, Sport und Kultur sind in nur fünf Minuten zu erreichen.

 

3. NUSANTARA, INDONESIEN

Kapitale vom Reißbrett

Brasilien und Australien haben es im 20. Jahrhundert getan, Pakistan und Nigeria ebenso, und auch die USA, allerdings schon 1800: All diese Länder haben ihre Hauptstädte verlegt. Nun folgt Indonesien und baut sich eine neue Kapitale auf der Insel Borneo. „Nusantara“, Javanisch für Archipel, soll die Planstadt heißen, die Jakarta mit seinen zehn Millionen Einwohnern als Regierungssitz ablösen soll. 

Im Januar wurde der Hauptstadtbau zu Borneo vom Parlament beschlossen, noch in diesem Jahr will man damit beginnen. Als Budget für das ehrgeizige Projekt sind rund 35 Milliarden Dollar veranschlagt, schon in zwei Jahren sollen erste Teile des Regierungsapparats umziehen. Bis 2045 soll Nusantara fertiggestellt sein. Der Umzug nach Ostkalimantan, dem indonesischen Teil von Borneo, ist zunächst einmal eine Flucht aus dem Moloch Jakarta: Vor dem Verkehr, der schlechten Luft, dem Chaos und den Überschwemmungen. Teile der Stadt sinken jedes Jahr ab, in Kombination mit einem steigenden Meeresspiegel könnten sie bald unter Wasser liegen. Die Regierung will den Umzug natürlich weniger als Flucht denn als Sprung in die Zukunft verstanden wissen: Natürlich soll Nusantara klimaneutral, smart, fußgänger- und radfahrerfreundlich sein. Kritiker heben hingegen die Gefahren für das Ökosystem auf Borneo hervor – und dass sich die Elite aus dem Staub macht, während die meisten Einwohner Jakartas weiter mit den schwierigen Bedingungen leben müssen. 

Auch Ägypten plant eine neue Hauptstadt jenseits von Kairo, der größten Stadt Afrikas. 58 Milliarden Dollar soll der Bau der Retortenstadt kosten, die einmal acht Millionen Menschen beherbergen soll. Der geplante Umzug 2020 wurde jedoch verpasst, und einen Namen hat die neue Hauptstadt auch noch nicht.

 

4. THE ORBIT, KANADA

Neue Ideen für Vorstadt

Das kanadische Innisfil ist eine kleine Kommune mit einem großen Herzen für Innovationen: Die ländlich gelegene Stadt akzeptiert Zahlungen in Kryptowährungen für kommunale Abgaben und gehörte zu den ersten Orten überhaupt, in denen die Mitfahr-App Uber getestet wurde. Jetzt soll sich das 40 000-Einwohner-Städtchen, das zunehmend als Wohnort fürs sechzig Kilometer entfernte Toronto dient, in eine smarte Stadt verwandeln – ohne seinen ländlichen Charakter zu verlieren. Die größte Herausforderung für Innisfil ist das starke Wachstum. In den kommenden dreißig Jahren wird sich die Einwohnerzahl wohl verdoppeln. Da die meisten Einwohner zur Arbeit pendeln, will das kanadische Architekturbüro Partisans den neuen Stadtteil namens „The Orbit“ um eine Transitknotenpunkt ausrichten, von wo aus man alles, was man braucht, zu Fuß erreichen kann. Städtebaulich orientiert sich The Orbit an den Gartenstädten des frühen 20. Jahrhunderts. Es soll ein Modell für Vorstadtgemeinden sein, wie man die fortschreitende Zersiedelung der Landschaft stoppen kann. Der Bau von „The Orbit“ soll im kommenden Jahr beginnen.

 

5. OXEANIX BUSAN, SÜDKOREA

Schwimmende Nachbarschaft

Vier von zehn Erdbewohnern leben weniger als hundert Kilometer von der Küste entfernt, und 90 Prozent der Megastädte sind anfällig für den steigenden Meeresspiegel. Oxeanix Busan, der erste Prototyp einer schwimmenden nachhaltigen Stadt, soll eine Antwort auf die Herausforderung geben, die der Anstieg des Wassers mit sich bringt. Entwickelt wurde sie im Auftrag der Vereinten Nationen und der südkoreanischen Küstenmetropole Busan. Die Siedlung besteht im Kern aus drei miteinander verbundenen Plattformen, die Platz für 12 000 Bewohner bieten. Sie können bei Bedarf auf mehr als zwanzig Plattformen erweitert werden.

 Die geplanten Nachbarschaften sollen nachhaltig und robust sein, vor allem aber sicher vor Hochwasser und damit ein Modell für all jene Orte, die von Überschwemmungen aufgrund des Klimawandels bedroht sind. Einige der 30 000 bis 40 000 Quadratmeter großen Viertel sollen gemischt genutzt werden, andere einem bestimmten Zweck dienen – zum Beispiel der Forschung oder der Unterbringung von Touristen. Die einzelnen Plattformen werden durch Brücken miteinander verbunden, die Bebauung besteht aus windabweisenden Flachbauten. Die Architektur und das Stadtgefüge mit intimen Gassen zum Einkaufen und Essen orientieren sich an traditionellen koreanischen Vierteln.

 

6. CHENGDU FUTURE CITY, CHINA

Autofrei für die Innovationsindustrie

Die Chengdu Future City soll künftig die Innovationsindustrie im westchinesischen Chengdu beherbergen. Bei der Entwicklung eines Masterplans war das niederländische Architekturbüro OMA selbst innovativ und hat die konventionelle Stadtplanung hinterfragt: Nicht Straßennetz und die Maximierung baulicher Dichte bestimmen das Programm, sondern die Topographie des Standortes. Dadurch soll sich die Stadt mit der Landschaft verbinden, sodass die Architektur ein Teil von ihr wird. Der Masterplan ist in sechs sogenannte Cluster unterteilt, die verschiedene Funktionen haben. Es gibt zum Beispiel ein Universitätscluster, ein Wohncluster und ein Regierungscluster, die sich in die Landschaft schmiegen sollen. Jede dieser einzelnen Zonen soll autofrei sein, jedes Gebäude innerhalb von zehn Minuten zu Fuß erreichbar. Ein „intelligentes Mobilitätsnetzwerk“, das automatisierte Fahrzeuge nutzt, soll die einzelnen Zonen mit der umliegenden Stadt verbinden.

 

7. SMART FOREST CITY, MEXIKO

Organismus aus Pflanzen und Gebäuden

Eine Zukunftsvision, inspiriert von der Vergangenheit: Der italienische Architekt Stefano Boeri hat sich bei seinen Plänen für die Smart Forest City im mexikanischen Cancún von dem Erbe der Mayas und ihrer Beziehung zur natürlichen und heiligen Welt inspirieren lassen. Entstehen soll eine Stadt im Wald: Auf dem 557 Hektar großen Gelände im Süden Cancúns sollen so viele Bäume wachsen, dass auf jeden der 130 000 Bewohner rechnerisch 2,3 Bäume kommen. Zudem werden nahezu alle Fassaden begrünt. Stadt und Natur sollen sich nach Boeris Vorstellungen miteinander verflechten und als ein Organismus funktionieren. Insgesamt sollen 7,5 Millionen Pflanzen die Stadt bevölkern, die 116 000 Tonnen CO2 im Jahr aufnehmen und 5800 Tonnen speichern.

Zudem ist die Stadt auch dank Kreislaufwirtschaft nahrungs- und energieautark geplant. Dafür hat das deutsche Unternehmen Transsolar einen Ring von Sonnenkollektoren entwickelt sowie landwirtschaftlich genutzte Felder, die durch einen unterirdischen Kanal bewässert werden. Entsalztes Meerwasser, neben den Pflanzen ein Schlüsselelement des Projekts, wird in einem großen Bassin vor der Stadt aufgefangen und in einem System aus schiffbaren Kanälen in die Stadt geleitet.

Quelle: FAZ

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