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Gastbeitrag: Kryptowährungen als Instrumente der Politikgestaltung

Gastbeitrag: Kryptowährungen als Instrumente der Politikgestaltung

Als einstiger Chef der größten Forschungsorganisation in Österreich (heute Austrian Institute of Technology AIT) auf dem Weg zu Österreichs jährlichem Diskursevent im Tiroler Alpendorf Alpbach passierte ich vor ca. zwei Jahrzehnten auf dem Weg dorthin die Ortschaft Wörgl, wo ich Station machte und vom örtlichen Bürgermeister auf ein geschichtliches Ereignis
hingewiesen wurde, das unter dem Begriff „Schwundgeld“ bzw. als „Wunder von Wörgl in die Geschichte der Wirtschafts- und Währungswissenschaften eingegangen ist: Es handelt sich um einen der frühen Versuche, eine eigene „Sonderwährung“ unabhängig von der unter staatlicher Autorität herausgegebenen nationalen Währung – in Österreich der Schilling – in der Gemeinde Wörgl 1932 von dessen Bürgermeister Michael Unterguggenberger als „umlaufgesichertes Geld“ herausgegeben wurde. Um es gleich vorweg zu nehmen: Dieses „Experiment“ wurde schon 1933 auf Antrag der Nationalbank gerichtlich untersagt. Interessant ist, wie diese lokale Währung reguliert war: Der Wert des Geldes verringere sich jeden Monat um 10%, wenn es nicht ausgegeben, d.h. in Umlauf gebracht wurde, um dafür lokale Produkte und Dienstleistungen zu erwerben. Das Ergebnis war auffällig wachsende Bautätigkeit und Konsumfreude, mit dem Effekt, dass die Arbeitslosenzahl in der Region um ein Viertel sank, während sie in der damaligen Wirtschaftskrise andernorts in weiter anstieg – mit allen bekannten geschichtlichen Folgen.

Nun ist zwar völlig klar, dass eine klassische Regionalwährung wie das Wörgler Schwundgeld (als eine von vielen mittlerweile erprobten, zumeist wieder verschwundenen Regionalwährungen) nicht mit einer modernen Kryptowährung verglichen werden kann, bis auf den abstrakteren Aspekt, dass jede Kryptowährung ihre „Wertigkeit“ letztlich aus der Tatsache bezieht, das es eine Vertrauens- Community gibt, die anstelle einer Zentralbank als Garant hinter einer Währung steht – und dieses wird technisch durch die Blockchain-Technologie ermöglicht. Diese Form der Selbstverwaltung
einer Währung wird von vielen Unterstützern als die große Chance gesehen, sich von staatlichen Regulierungen im Sinne einer (demokratischen) Selbstverwaltung unabhängig zu machen, womit sofort die Frage aufkommt, was denn dennoch die Regeln sind, nach denen, diese Selbstverwaltung funktionieren soll.

Alexander Lührs, der Vater dieses Blogs, promotet die Idee, eine speziellen Kryptowährung mit dem Konzept der „Smart City“ zu kombinieren. Der Vater dieses Gedankens ist, dass eine Smart City sich durch eine fortschrittliche informationstechnologische Infrastruktur auszeichnet, innerhalb derer es ganz natürlich möglich ist, Rechte-, Zertifikats- und Wertetransfers auszuführen, so auch geldwerte Transfers mittels einer eigenen Kryptowährung. Damit ist aber die Frage, wie das nach Regeln ordentlich funktionieren soll, noch nicht beantwortet. Wirtschaftsliberale werden z.B. die Position vertreten, dass es keiner anderen Regeln bedarf als der, die die „Krypto-Beteiligten“ durch den Erwerb von
Kryptogeld unter sich ausmachen, bestenfalls sie rechtliche Vorgaben unterschreiben, die der Herausgeber einer Kryptowährung festlegt. Sobald aber eine Bindung an eine Gebietskörperschaft – bekanntermaßen haben Nationen wie San Salvador (https://www.deutschlandfunk.de/bitcoin-als-staatswaehrung-in-el-salvador-100.html) oder Emiratestaaten (https://www.eternitylaw.com/de/nachrichten/kryptowaehrungen-in-den-vae/) Kryptowährungen schon als offizielle Zahlungsmittel anerkannt – ins Spiel kommt, ist diese herausgefordert, ihre Vorstellung zu diesen Regeln, also zur zweckgebundenen Verwendung des z.B. regionalen Kryptogeldes zu definieren und zu entscheiden.

Zurückkommend auf das Beispiel des Wörgler Schwundgeldes will ich hier die für Berlin schon gestellte Frage erneuern, ob gekoppelt mit einer städtischen Kryptowährung nicht auch politische Ideen umzusetzen wären. Die Stadt Wien hat – als Beispiel, das leider wegen der pandemiebedingten Hindernissen wieder beendet werden musste – einen so genannten
Kultur-Token herausgegeben, also eine geldwerte „Krypto-Note“, mit der man als Belohnung für ein bestimmtes Mobilitätsverhalten mit Eintrittskarten für Kulturveranstaltungen belohnt wurde. In Erweiterung dieses relativ begrenzten Konzeptes ließen sich mit einer stadteigenen Kryptowährung bestimmte Verhaltensweisen bei Käufern dieser Währung
fördern, indem z.B. die Wertsicherung der herausgegebenen Währung über gezielte Verwendungen von Wertesteigerungen durch Kursgewinne in klimaförderliche Investitionen hergestellt wird. (Hier kann zur Konzeptfindung z.B. dieses Buch meiner Kollegin Cathy Garner https://www.e-elgar.com/shop/gbp/city-preparedness-for-the-climate-crisis-
9781800883659.html herangezogen werden, wie ich auch, mit ihr zusammen unter https://worldcapitalinstitute.org/altecon/ eine weitere Plattform zu Diskussionen zu diesem Thema zur Verfügung stelle).

Die Generalbotschaft dieses Artikels ist: Liebe Stadt Berlin, geht das Wagnis ein, indem ihr eine eigene Stadtwährung und damit neue Gestaltungsräume für die Finanzierung von Zukunftsprojekten mithilfe bürgerlicher Krypto-Investitionen schafft!

Gastbeitrag von: Prof. Dr. hc. Günter Koch

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