Klingsorstr. 6, 12167 Berlin
+49 151 22668185
luehrs.alexander@gmail.com

Droht uns eine Hyperinflation wie in den Zwanzigern?

Droht uns eine Hyperinflation wie in den Zwanzigern?

Die Inflation ist in Deutschland zurück. Das merkt inzwischen jeder im Supermarkt und an der Tankstelle. Im März 2022 kletterte die Inflationsrate auf 7,3 Prozent. Dabei warnen Experten: Es ist nur ein Vorgeschmack, der Ukraine-Krieg wird die Preise weiter in die Höhe treiben. Droht Deutschland eine Hyperinflation wie in den 1920er-Jahren? Die Bilder von damals – Schubkarren voller wertloser Geldscheine – sind noch immer im kollektiven Gedächtnis der Deutschen verankert.

Als im November 1923 eine Straßenbahnfahrt in Dresden zehn Milliarden Mark kostete, hatte die Inflation in der Weimarer Republik ihren dramatischen Höhepunkt erreicht. Wer seinen Lohn am Morgen erhielt, konnte bereits am Abend nichts mehr damit anfangen.

Die Hyperinflation war das Ergebnis einer fast zehn Jahre andauernden Geldentwertung, die schon zu Beginn des Ersten Weltkrieges begann: 1914 finanzierte die kaiserliche Regierung, fest von ihrem Sieg überzeugt, die “Materialschlachten” des Krieges mit Anleihen. Ihre Tilgung, so der Plan, sollten dann die besiegten Gegner übernehmen. Außerdem stellte die Reichsbank in Berlin dem Staat 47 Milliarden frisch gedruckte Mark zur Verfügung. Das zusätzlich in Umlauf gebrachte Geld verursachte zweierlei: Der Wert der Mark sank und die Preise stiegen. Damit waren die ersten Weichen für die Hyperinflation neun Jahre später gestellt.

Inflationstreiber:
Schulden des Ersten Weltkrieges

Nach der Niederlage von 1918 stand Deutschland vor einem schier unbegleichbaren Schuldenberg: Kriegsanleihen mussten beglichen, Invaliden-, Witwen- und Waisenrenten bezahlt werden. Zusätzlich verpflichtete der Versailler Vertrag das Deutsche Reich zu hohen Reparationszahlungen. Um die immense Zahllast zu bewältigen, warf der Staat erneut die Notenpresse an und steigerte die Geldmenge noch weiter. Sogar Städte und Gemeinden halfen beim Druck und bei der Verteilung neuer Scheine.

Reparationen verschlechtern die Lage weiter
Im Mai 1921 erreichte das so genannte Londoner Ultimatum der Siegermächte Berlin. Sie forderten Deutschland auf, sofort mit der schrittweisen Auszahlung der Reparationsleistungen in Höhe von 132 Goldmark zu beginnen. Deutschland hatte die Forderungen innerhalb von sechs Tagen zu akzeptieren, andernfalls werde das Ruhrgebiet besetzt. Die Reichsregierung unter Joseph Wirth entschied sich, das Ultimatum bedingungslos anzunehmen. Damit beginnt die so genannte Erfüllungspolitik.

In der letzten Nacht ist die Entscheidung gefallen. Die Mehrheit des Reichstages hat sich bekanntlich für das Ja entschieden. Es steht nun eine furchtbar schwere Zeit bevor.

Sächsische Volkszeitung, 11. Mai 1921

Deutschland sah sich wirtschaftlich zwar nicht in der Lage, Reparationszahlungen in dieser Höhe aufzubringen. Dennoch entschied das Kabinett, den Auflagen bestmöglich nachzukommen. Es hoffte, den Siegermächten so zu beweisen, dass die Reparationen nicht leistbar sind, so dass die Forderungen revidiert werden. Diese Erfüllungspolitik war stark umstritten und verschärfte die Polarisierung und Radikalisierung der Parteien im Deutschen Reich erheblich.


Politische Radikalisierung und zwei Morde
Zwei Politiker, die sich für die Strategie der Erfüllungspolitik eingesetzt hatten, wurden von der rechtsextremen Vereinigung “Organisation Consul” ermordet: 1921 Matthias Erzberger und 1922 der linksliberale Außenminister Walther Rathenau. Besonders in Bayern fanden militante völkisch-nationale Bündnisse wie die “Organisation Consul” Anhang. 1920 entstand dort auch die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP). In Sachsen und Thüringen erstarkten dagegen kommunistische Bewegungen, wie die “Proletarischen Hundertschaften”.

Kein Vertrauen in die Mark: gallopierende Inflation
Mit der Annahme des Londoner Ultimatums sank auch sprunghaft das Vertrauen in die Mark. Ausländische Kredite wurden zurückgezogen, Investitionen sanken drastisch. Die Inflation in Deutschland wurde zu einer galoppierenden.

Das Geld ist in seinem Werte außerordentlich schwankend geworden. Heute ist es kaum mehr ein Zehntel dessen wert wie vor dem Kriege.

Sächsische Volkszeitung, 1. Juli 1921

Obwohl die Notenpressen Tag und Nacht arbeiteten, wurde gedrucktes Geld zur Mangelware – war ein einziger Schein doch kaum noch etwas wert. 1922 hatte die Reichsbank täglich zwei bis drei Milliarden Noten mit immer höheren Nominalwerten auf den Geldmarkt zu bringen. Bald konnte sie den Bedarf nicht mehr alleine stemmen. Wie schon 1918 musste sie Städte und Gemeinden bitten, bei der Emission von Notgeldscheinen zu helfen. 


Ruhrbesetzung 1923 führt zur Hyperinflation
Schließlich geriet Deutschland mit der Zahlung der Reparationen in Verzug. Im Januar 1923 besetzten deshalb französische und belgische Truppen das Ruhrgebiet. Die deutsche Regierung rief daraufhin zum passiven Widerstand auf. Zwei Millionen Menschen in der Industrie, der Verwaltung und im Verkehrswesen gingen in den Streik. Trotzdem erhielten sie zwei Drittel ihres Lohnes. Der Reichshaushalt geriet dadurch endgültig aus den Fugen: Die Ausgaben Deutschlands überstiegen die Einnahmen um ein Vielfaches. Die galoppierende Inflation entwickelte sich zur Hyperinflation, also der am schnellsten fortschreitenden Inflation in der vierstufigen Skala.

 

Die Preise im Deutschen Reich explodierten nun förmlich: Im August 1923 kostete eine Straßenbahnfahrt in Dresden 15.000 Mark. Am 3. Oktober kostete dieselbe Fahrt schon zwölf Millionen Mark und nur einen Monat später, am 6. November, zehn Milliarden. Gleichzeitig stieg die Zahl der Arbeitslosen: In Leipzig musste die Straßenbahn ihren Betrieb stark einschränken, weil der Personalbestand um fast zwei Drittel verringert wurde. Alleine in Sachsen waren im April 1923 70.000 Menschen ohne Arbeit, bis Oktober stieg die Zahl auf 112.000, mit 35.000 weiteren Kurzarbeitenden. Der Höhepunkt der Inflation war erreicht. In ganz Deutschland kam es zu Plünderungen, Protesten und politischen Unruhen. Immerhin: Wer Schulden hatte, war diese spätestens jetzt los. Sparer hatten jedoch alles verloren.

Das Ende der Inflation dank Rentenmark
Erst mit der Einführung der Rentenmark im November 1923 konnte die Hyperinflation beendet werden. Die Rentenmark war eine Art Ersatzwährung, die über eine ungewöhnliche Wertdeckung verfügte. Während andere Währungen damals noch eine Golddeckung besaßen, war die Rentenmark durch Grund und Boden gedeckt. Dazu wurden Immobilien von Landwirtschaft, Industrie und Gewerbe zwangsweise mit Hypotheken und Grundschulden belegt – zugunsten der eigens dafür gegründeten Rentenbank, die Rentenmarkscheine herausgab.

Auch wenn die Deckung durch Grund und Boden eher theoretischer Natur war, der Trick gelang. Die Bevölkerung vertraute der neuen Währung und nahm sie sofort an. Dazu trug bei, dass die Menge der gedruckten Geldscheine knappgehalten wurde, obwohl die Politik Druck machte, sie zu erhöhen. Die Inflation stoppte schlagartig, man sprach deshalb vom Wunder der Rentenmark. Der Umrechnungskurs zur alten Inflationsmark wurde auf eins zu einer Billion festgelegt, bei einem Dollarkurs von 4,2 Billionen Inflationsmark für einen Dollar.

Formal war die Rentenmark übrigens kein gesetzliches Zahlungsmittel, sondern nur eine Inhaberschuldverschreibung. Weil sie aber die Wirtschaftslage stabilisiert hatte, konnte im Oktober 1924 die Reichsmark als wertstabile deutsche Währung eingeführt werden. Die Rentenmark blieb aber bis 1948 parallel im Umlauf und hatte den gleichen Wert wie die Reichsmark.

Zur Stabilität des neuen Geldes trug auch der neue Zahlungsplan für die Reparationen bei, der vom US-Amerikaner Charles Dawes ausgearbeitet wurde – er passte die Zahlungen an die tatsächliche Leistungsfähigkeit des Deutschen Reiches an und beinhaltete auch das Ende der Ruhrbesetzung. Was aber für Jahrzehnte im nationalen Gedächtnis zurückblieb, war das Trauma der Hyperinflation – und das in allen Gesellschaftsschichten.

Inflationsprognose für 2022
Auch wenn die Preise im Supermarkt und an der Tankstelle derzeit spürbar anziehen und manchmal regelrecht wehtun – eine Hyperinflation wie in den 1920er-Jahren droht uns derzeit nicht. Ökonomen rechnen für das Gesamtjahr 2022 mit einer Teuerungsrate von mehr als sechs Prozent. Das wäre zwar der höchste Wert seit der deutschen Wiedervereinigung 1990, dennoch noch meilenweit von einer Hyperinflation entfernt. Nach Einschätzung der “Wirtschaftsweisen” müssen sich die Deutschen in Folge des Ukraine-Krieges allerdings auf dauerhaft höhere Energiepreise einstellen – dies sei der Preis, den Deutschland zahlen muss, um von russischem Öl und Gas unabhängiger zu werden.

Dieser Aritkel erschien zunächst auf www.mdr.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.